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Swipe, Match, Stress? Wie Dating-Apps unsere Psyche beeinflussen

9. Sept.
4 Min. Lesezeit

Autorin: Miriam Anna Moderegger, MSc


Swipe rechts, Swipe links – die Suche nach der großen Liebe ist heute oft nur einen Wisch entfernt. Doch was macht das ständige Bewerten und Bewertetwerden mit unserer Psyche? Eine aktuelle Metaanalyse der Universität Graz hat genau das untersucht: Wie hängen Dating-Apps wie Tinder, Bumble oder Grindr mit unserer mentalen Gesundheit zusammen?


Die Forschung: 27 Studien, 21.000 Menschen und die große Liebe

Das Forscherteam hat für ihre Metastudie 27 internationale Studien mit über 21.000 Teilnehmenden unter die Lupe genommen. Bei einer Metastudie machen Forscher:innen keine eigene Befragung, sondern nutzen die Daten von anderen Studien, vergleichen diese und führen sie zusammen. Ihr Ziel: herausfinden, ob die Nutzung von Swipe-basierten Dating-Apps mit der mentalen Gesundheit zusammenhängt. Dafür haben die Forscher:innen Daten aus Studien zusammengeführt, die Dating-App-Nutzer:innen mit Nicht-Nutzer:innen verglichen. Dabei untersuchten siesechs Bereiche:


  • Allgemeines Wohlbefinden

  • Emotionale Belastung (z. B. Ängste, Stress)

  • Aussehensbewertung (z. B. Selbstwertgefühl, Körperbildzufriedenheit)

  • Körperbildstörungen

  • Verhaltensprobleme (z. B. zwanghafte Nutzung)

  • Angst vor Ablehnung oder Kritik


Die Ergebnisse: Glück oder Unglück?

Die Metaanalyse zeigt: Dating-Apps können uns belasten – aber sie machen nicht automatisch unglücklich. Schauen wir uns das mal im Detail an:


Druck und Kontrollverlust

Am stärksten war der Zusammenhang mit problematischer Nutzung. Einige Nutzer:innen swipen zwanghaft, verlieren die Kontrolle über die Nutzungsdauer oder können nur schwer aufhören. Die Forscher:innen weisen darauf hin, dass das auch mit dem Design der Apps zu tun hat: Das Swipen funktioniert ähnlich wie ein Spielautomat. Auf viele Wischbewegungen folgt nicht immer eine Belohnung, manchmal aber plötzlich ein Match oder eine Nachricht. Gerade diese unvorhersehbaren kleinen Belohnungen können dazu verleiten, immer weiterzumachen – nach dem Motto:„Nur noch ein Swipe, vielleicht kommt jetzt ein Match.“


Selbstzweifel und Oberflächlichkeit

Auch Körperbild und Aussehen spielten eine große Rolle. Nutzer:innen berichteten häufiger von Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und geringerem Selbstwertgefühl als Menschen, die keine Dating Apps nutzen, besonders betroffen waren Frauen und Menschen aus sexuellen Minderheiten. Warum? In Dating-Apps wird „Erfolg“ – sowohl zwischenmenschlich als auch im Ranking der App – stark vom Aussehen bestimmt. Das kann dazu führen, dass man sich ständig mit dem eigenen Äußeren beschäftigt: durch Grübeln oder auch durch konkrete, oft ungesunde Maßnahmen wie exzessive Diäten oder impulsive Veränderungen des eigenen Stils.


Stress, Ablehnung und Wohlbefinden

Dating-App-Nutzer:innen zeigten häufiger Stress, Ängste und die Sorge, abgelehnt zu werden. Überraschend war jedoch: Beim allgemeinen Wohlbefinden – etwa bei Lebenszufriedenheit oder Glück – gab es keinen eindeutigen Unterschied. Die Studie belegt also nicht, dass Dating-Apps generell unglücklich machen. Vielmehr scheinen sie bestimmte Ängste oder Unsicherheiten zu verstärken, ohne dass das Gesamtbild der Lebenszufriedenheit stark beeinflusst wird.


Kritische Einordnung: Was sagt die Studie – und was nicht?

Schauen wir uns die Limitationen, also die Einschränkungen, der Forschung mal genauer an:


  • Keine Kausalität: Die meisten Studien waren Querschnittsstudien, die keine kausalen Zusammenhänge nachweisen können. Es ist also unklar, ob Dating-Apps diese psychischen Belastungen auslösen oder ob Menschen, die Dating Apps verwenden, eine stärkere Tendenz zu solchen psychischen Belastungen haben. Denn viele der untersuchten Probleme – wie Unsicherheiten oder Ängste – kommen auch in der Grundbevölkerung vor, besonders bei jungen Menschen, die ihren Platz im Leben gerade erst finden und die den Großteil der Studienteilnehmer:innen ausmachten.


  • Selbstberichte: Die Daten basieren hauptsächlich auf den eigenen Angaben der Teilnehmenden. Das Problem dabei: Menschen neigen dazu, in Umfragen Antworten zu geben, von denen sie denken, dass sie damit gut dastehen – das nennt man soziale Erwünschtheit. Wer z. B. viele Stunden am Tag auf Dating-Apps verbringt, könnte das in einer Studie eher herunterspielen. Gleichzeitig können Erinnerungen sich auch verändern, je nachdem, wie man sich gerade fühlt. (Denken wir mal dran, wie wir frisch verliebt von einem Date erzählen und wie wir von der Person reden, wenn sie uns geghosted hat.) Das macht die Ergebnisse nicht ungültig, aber es ist wichtig, diese Einschränkung im Hinterkopf zu behalten.


Fazit: Dating-Apps – Fluch oder Segen?

Die Studie zeigt: Dating-Apps sind weder gut noch schlecht per se. Sie können negative Gefühle und ungesunde Verhaltensweisen verstärken – besonders bei Menschen, die ohnehin zu Unsicherheiten neigen. Direkt nach einer Trennung oder in anderweitig turbulenten Zeiten sollte man sich dieser Belastung also eher nicht aussetzen. Gleichzeitig bieten Dating Apps auch Chancen: Sie ermöglichen es, verschiedene Werte, Lebensstile und Personen kennenzulernen, die man im Alltag vielleicht nie treffen würde. So kann man die eigene Komfortzone verlassen und besser einschätzen, was man in einer Beziehung wirklich sucht – oder auch nicht sucht.


Fest steht aber: Dating-Apps verändern, wie wir uns selbst und andere sehen: Wir gewöhnen uns daran, Menschen – und uns selbst – schnell nach bestimmten Kriterien zu bewerten. Sie verändern unsere Art, Beziehungen aufzubauen und zu gestalten. Und das hat Auswirkungen auf unsere Psyche – ob positiv oder negativ, hängt auch davon ab, wie wir sie nutzen.


Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Cela, H. & Wood, G. (2026). A systematic review and meta-analysis of the mental health correlates of swiping-based dating app use.Communications Psychology.https://doi.org/10.1038/s44271-026-00488-7



Autorin - Miriam Anna Moderegger, MSc

Ursprünglich aus dem Journalismus kommend, erzählt Miriam seit ihrer Kindheit leidenschaftlich Geschichten – sei es in ihrem Hauptberuf als Leitung der Public Affairs beim Verband österreichischer Volkshochschulen, oder in der Wissenschaftsredaktion von ForJu.

Während ihrem Studium der Communication Science widmete sich Miriam in ihrer Masterarbeit der Frage, wie Wissenschaft in der Öffentlichkeit repräsentiert wird. Diese Erkenntnisse motivieren sie, durch ihre Tätigkeit bei ForJuWissenschaft zugänglicher zu gestalten und junge Menschen für die Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven zu begeistern.



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