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Wie erforscht man die psychologischen Auswirkungen von Medienberichten über Amokläufe?

8. Sept.
3 Min. Lesezeit

Autorin: Daisy Garner


Wenn in den Nachrichten über einen Amoklauf berichtet wird, verfolgen Millionen Menschen die Berichterstattung, im Fernsehen, auf Nachrichtenwebsites oder in sozialen Medien. Obwohl die meisten von uns solche Ereignisse nicht selbst erleben, können sie uns dennoch emotional belasten. Genau dieser Frage bin ich in meiner Masterarbeit nachgegangen: Kann der Konsum von Berichten über Amokläufe zu Symptomen führen, die einer traumatischen Belastung ähneln? Und schützt Resilienz davor?


In der Psychologie gibt es den Begriff sekundäre Traumatisierung. Er beschreibt Stressreaktionen, die entstehen können, obwohl man ein traumatisches Ereignis nicht selbst erlebt hat, sondern nur indirekt, zum Beispiel durch die Erzählungen anderer oder durch Medienberichte. Bisher wurde sekundäre Traumatisierung vor allem bei Berufsgruppen wie Therapeut:innen oder Rettungskräften untersucht. Doch durch soziale Medien und den 24-Stunden-Nachrichtenzyklus sind heute auch viele andere Menschen immer wieder mit belastenden Bildern und Berichten konfrontiert.


Für meine Studie befragte ich Menschen aus den USA, da Amokläufe dort besonders häufig und intensiv medial thematisiert werden. Ich untersuchte, wie oft die Teilnehmenden Berichte über Amokläufe konsumierten, wie ausgeprägt ihre Resilienz war und ob sie Symptome einer sekundären Traumatisierung zeigten.


Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die häufiger Inhalte über Amokläufe konsumierten, stärkere Vermeidungs- und Erregungssymptome berichteten. Dazu gehören beispielsweise das Bedürfnis, belastende Themen zu meiden, oder eine erhöhte innere Anspannung. Für sogenannte Intrusionssymptome, also aufdringliche Gedanken oder Erinnerungen, zeigte sich dagegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang.


Besonders überrascht hat mich, dass die untersuchten Resilienzfaktoren, etwa soziale Unterstützung oder Planungsfähigkeit, den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Belastung nicht abschwächten. Resilienz spielte zwar insgesamt eine Rolle für das Wohlbefinden der Teilnehmenden, schützte aber in meiner Studie nicht vor den Auswirkungen einer häufigen Medienexposition.


Meine Forschung zeigt, dass Nachrichten über traumatische Ereignisse nicht nur informieren, sondern auch psychologisch beeinflussen können. Gerade in einer Zeit, in der Nachrichten jederzeit verfügbar sind, wird es immer wichtiger zu verstehen, wie wir belastende Inhalte konsumieren und verarbeiten.



Wir haben nachgefragt, Daisy Garner hat geantwortet.


Wie hast du das herausgefunden?

Daisy Garner: Ich habe eine Online-Befragung mit 52 erwachsenen Teilnehmer:innen aus den USA durchgeführt. Dabei wurden ihr Konsum von Berichten über Amokläufe, verschiedene Resilienzfaktoren sowie Symptome einer sekundären Traumatisierung mithilfe wissenschaftlich etablierter Fragebögen erfasst.

Anschließend analysierte ich die Daten mithilfe von Regressionsanalysen. So konnte ich untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen Medienkonsum und traumatischem Stress besteht und ob Resilienz diesen Zusammenhang beeinflusst. Diese Methode eignet sich besonders gut, um Beziehungen zwischen verschiedenen psychologischen Merkmalen zu untersuchen.


Was hat dich bei deiner Forschung besonders überrascht?

Daisy Garner: Eine der spannendsten Beobachtungen war, dass viele Teilnehmende sich an manche Amokläufe deutlich besser erinnern konnten als an andere, unabhängig davon, wie häufig solche Ereignisse tatsächlich vorkommen. Das zeigt, wie stark Medien unsere Erinnerung und Wahrnehmung prägen können.

Außerdem wurde mir während der Forschung bewusst, wie komplex Resilienz ist. Oft wird sie als eine Art „Schutzschild“ dargestellt. Meine Ergebnisse legen jedoch nahe, dass Resilienz nicht automatisch vor allen psychischen Belastungen schützt. Das hat meinen Blick auf psychologische Schutzfaktoren deutlich erweitert.

Persönlich habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sensible Forschungsthemen verantwortungsvoll zu behandeln. Gerade bei belastenden Themen wie Amokläufen steht hinter jeder Statistik ein reales menschliches Schicksal.


Welche Fragen sind noch offen geblieben?

Daisy Garner: Da meine Studie nur zu einem einzigen Zeitpunkt durchgeführt wurde, kann sie keine Aussagen darüber treffen, ob Medienkonsum tatsächlich langfristig zu sekundärer Traumatisierung führt.

Auch die Stichprobe war mit 52 Personen relativ klein und bestand ausschließlich aus Teilnehmenden aus den USA. Deshalb sollten die Ergebnisse in größeren und internationaleren Studien überprüft werden.

Darüber hinaus gibt es viele weitere mögliche Einflussfaktoren, etwa persönliche Vorerfahrungen mit Trauma, Medienkompetenz oder die Art der genutzten Plattformen, die ich in dieser Studie nicht untersuchen konnte.


Wo sollte die Forschung jetzt ansetzen?

Daisy Garner: Zukünftige Studien sollten untersuchen, wie sich der Konsum belastender Nachrichten über einen längeren Zeitraum auf die psychische Gesundheit auswirkt. Besonders spannend wäre es, Menschen über Monate oder Jahre hinweg zu begleiten.

Außerdem wäre es interessant zu vergleichen, ob unterschiedliche Medienformen, etwa klassische Nachrichten, soziale Medien oder kurze Videos, verschiedene Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden haben.

Schließlich könnten weitere Schutzfaktoren untersucht werden, die Menschen helfen, mit belastenden Medieninhalten umzugehen. Dieses Wissen könnte nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für Journalist:innen, Bildungseinrichtungen und die Gesundheitskommunikation wertvoll sein.


Was machst du und womit beschäftigst du dich?

Daisy Garner: Ich habe kürzlich meinen Master in Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien abgeschlossen und war dort als Academic Project & Communications Assistant in der Advertising and Media Psychology Research Group (AdMe) tätig. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit Medienpsychologie, digitaler Kommunikation und psychischer Gesundheit. In meiner Masterarbeit untersuchte ich den Zusammenhang zwischen der Rezeption von Berichterstattung über Schulschießereien, sekundärem traumatischem Stress und Resilienz. Besonders interessiert mich, wie individuelle Schutzfaktoren Menschen dabei helfen können, belastende Medieninhalte besser zu verarbeiten. Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen, evidenzbasierte Erkenntnisse für einen gesünderen Umgang mit digitalen Medien und zur Förderung psychischer Widerstandsfähigkeit zu gewinnen.



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