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Mitgefühl im Konflikt - Wie Körper und Gehirn auf ein filmisches Dilemma reagieren

9. Sept.
4 Min. Lesezeit

Autorin: Asya Efe


Filme können Situationen erfahrbar machen, in denen jede mögliche Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen verbunden ist. Eine aktuelle Pilotstudie untersucht, wie ZuschauerInnen auf eine solche Szene aus „Sophies Entscheidung“ reagieren. Während sie den Filmausschnitt betrachteten, zeichneten die Forschenden elektrische Hirnaktivität und körperliche Signale auf. Dabei zeigten sich unterschiedliche Muster in Abschnitten, die das Leiden der Hauptfigur oder das bedrohliche Verhalten ihres Gegenübers darstellten. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, wie sich die Verarbeitung einer emotional belastenden Erzählung auf mehreren physiologischen Ebenen widerspiegelt.

 

Eine Entscheidung ohne Ausweg

In der untersuchten Szene zwingt ein nationalsozialistischer Offizier Sophie dazu, eines ihrer beiden Kinder dem Tod zu überlassen. Verweigert sie die Entscheidung, sollen beide sterben. Die Forschenden betrachten diese Konstellation als Beispiel eines „Double Bind“, also einer ausweglosen Konfliktsituation mit unvereinbaren Anforderungen. Jede verfügbare Handlung führt zu einem nicht akzeptablen Ergebnis.

Solche Szenen verbinden das Mitverfolgen fremden Leidens mit der Bewertung einer moralisch unauflösbaren Situation. Ein Film bietet dabei einen zusammenhängenden Verlauf aus Gesichtsausdrücken, Sprache und Handlung. Dadurch lässt sich untersuchen, wie sich Reaktionen während der Entwicklung eines Konflikts verändern. Die Teilnehmenden mussten allerdings keine eigene Entscheidung treffen, sondern beobachteten das Geschehen.

 

Reaktionen entlang der Handlung

An der Untersuchung nahmen 16 gesunde Erwachsene im Alter von 23 bis 60 Jahren teil. Alle waren kinderlos und hatten den Film zuvor nicht gesehen. Nach einer zweiminütigen Ruhemessung betrachteten sie einen etwa dreiminütigen Ausschnitt, ohne vorab Informationen zu dessen Inhalt zu erhalten. Mithilfe der Elektroenzephalografie, kurz EEG, wurden an vier Messstellen elektrische Signale aufgezeichnet. Diese lassen sich in Frequenzbereiche unterteilen, also in unterschiedlich schnelle Schwankungen der gemessenen Aktivität. Untersucht wurden unter anderem langsame Delta- und Theta-Signale sowie schnellere Gamma-Signale im Gehirn. Ergänzend erfassten die Forschenden die Hautleitfähigkeit, die Herzfrequenz und die Schwankungen der Abstände zwischen den Herzschlägen.

Zwei Beurteilende unterteilten den Film anhand wechselnder Gesichtsausdrücke in 56 kurze Abschnitte. Für weitere Vergleiche wurden diese den Figuren und ihrer dargestellten emotionalen Valenz zugeordnet, also einer positiven, negativen oder neutralen Ausprägung. Diese Einteilung beschrieb den jedoch Filminhalt und nicht die tatsächlich empfundenen Gefühle der ZuschauerInnen.

 

Unterschiedliche Muster im EEG

In einem einzelnen Abschnitt, in dem die Absichten des Offiziers noch unklar waren, fiel die gegenüber der Ruhemessung normalisierte Delta-Aktivität an der linken frontalen Messstelle höher aus als an den beiden seitlich weiter hinten gelegenen Messstellen. Die Forschenden diskutieren dies als möglichen Hinweis auf vorbereitende Kontrollprozesse angesichts einer unsicheren Situation.

In vier Abschnitten mit sichtbarer Angst oder Verzweiflung Sophies war die normalisierte Theta-Aktivität an der linken temporoparietalen Messstelle höher als an der rechten frontalen. Temporoparietal bezeichnet hier den Bereich zwischen Schläfen- und Scheitelregion. Dieses Muster könnte mit der Verarbeitung fremder Gefühleund der gedanklichen Übernahme einer anderen Perspektive zusammenhängen.

Zusätzlich war die Gamma-Aktivität bei negativ bewerteten Darstellungen Sophies höher als bei neutralen. Dies passt zur möglichen Verarbeitung besonders bedeutsamer emotionaler Inhalte. Ob dabei tatsächlich ein stärkeres Mitfühlen entstand, bleibt offen, da die Teilnehmenden ihr Erleben nicht zusätzlich bewerteten.

 

Bedrohung und körperliche Erregung

Bei Abschnitten mit dem Offizier fiel die kurzfristige Hautleitfähigkeitsreaktion stärker aus als bei Abschnitten mit Sophie. Dieses Signal erfasst vorübergehende Veränderungen der elektrischen Leitfähigkeit der Haut und dient als Maß autonomer Erregung, also einer weitgehend unwillkürlichen körperlichen Aktivierung. Die Forschenden interpretieren den Unterschied als mögliche Reaktion auf die offen dargestellte Bedrohung.

Für die Herzfrequenz, deren Variabilität und das längerfristige Hautleitfähigkeitsniveau fanden sich dagegen keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Figuren. Zudem beruhte die Auswertung der kurzfristigen Hautleitfähigkeitsreaktion nach dem Ausschluss unzureichender Messdaten nur noch auf sieben Personen. Dieser Befund ist deshalb besonders vorläufig.

 

Ein erster Einblick

Die geringe Teilnehmendenzahl und die Beschränkung auf eine einzige Filmszene begrenzen die Übertragbarkeit. Das EEG mit vier Messstellen erlaubt außerdem keine präzise Zuordnung zu einzelnen Hirnstrukturen. Auch lässt sich ohne passende Vergleichsszenen nicht eindeutig trennen, welche Reaktionen auf den moralischen Konflikt und welche auf die allgemeine emotionale Intensität zurückgehen.

 

Insgesamt zeigt die Untersuchung jedoch, dass verschiedene Aspekte derselben Erzählung mit unterschiedlichen physiologischen Mustern einhergehen können. Ob diese Unterschiede tatsächlich Mitgefühl, gedankliche Kontrolle oder Bedrohungsverarbeitung abbilden, müssen größere Untersuchungen mit zusätzlichen Angaben zum subjektiven Erleben klären. Filme bieten dafür einen potenziellen Ansatz, bei dem emotionale und moralische Anforderungen in ihrem zeitlichen Zusammenhang betrachtet werden können.


Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Balconi M, Acconito C, Eugeni R, Bionda F, Rovelli K, Angioletti L and Ciminaghi F (2026) How far does the moral dilemma go? Neural and autonomic correlates contribute to explain emotional conflict and empathy behavior in Sophie’s Choice. Front. Psychol. 17:1764212. doi: 10.3389/fpsyg.2026.1764212



Autorin - Asya Efe

Asya Efe studiert Molekulare und Zelluläre Biologie an der University of Glasgow und befindet sich derzeit im letzten Jahr ihres Bachelorstudiums. Zuvor absolvierte sie die HTL für Chemie Rosensteingasse in Wien, wo sie bereits erste Forschungserfahrung im Bereich Glioblastom sammelte. Im Sommer 2026 war sie als Amgen Scholar an der ETH Zürich tätig und forschte dort im Bereich der molekularen Neurowissenschaften an humanen Nervenzellen. Neben ihrer wissenschaftlichen Ausbildung engagiert sie sich intensiv in der Wissenschaftskommunikation. Bei ForJu – Verein zur Förderung junger Forschender – leitet sie die Science-Redaktion und ist als Chefredakteurin. Besonders interessiert sie sich für Krebsbiologie, Neurowissenschaften und Neuroonkologie sowie dafür, aktuelle Forschung verständlich und zugänglich zu vermitteln.



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