top of page

Hätte Rapunzel besseren Sex? Was wir über Haare und das Liebesleben wissen - und was nicht

9. Sept.
5 Min. Lesezeit

Autorin: Miriam Anna Moderegger, MSc


„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ – Wer kennt nicht das Märchen von der Prinzessin mit dem langen, goldenen Haar, das als Symbol für Schönheit und Weiblichkeit gilt. Haare spielen in Märchen, Mythen und Kunst seit jeher eine zentrale Rolle, sind ein Schönheitsideal und ein Symbol für Weiblichkeit und Fruchtbarkeit. Das macht evolutionär betrachtet auch Sinn: Studien zeigen, dass Haarqualität eng mit dem allgemeinen Gesundheitszustand, dem Hormonhaushalt und der Ernährung zusammenhängt. Doch Haare sind nicht nur in der Kultur ein zentrales Thema. Immer wieder gehen Studien zu Themen wie Sex viral – und wir schauen uns eine davon genauer an. Denn eine aktuelle Untersuchung hat analysiert: Spielen Haare wirklich eine Rolle in unserem Liebesleben?


Die Forschung: Paartherapie mal anders

Wissenschaftler:innen aus Südkorea haben 204 verheiratete heterosexuelle Paare befragt. Sie wollten wissen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Haarqualität, Haarlänge und wie oft Paare Sex haben?


Dafür haben die Teilnehmer:innen Fragen zu verschiedenen Themen beantwortet:


  • Haarqualität: Bewertung der eigenen Haare auf einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 7 (sehr gut)

  • Haarlänge: Auswahl der passenden Haarlänge anhand von Bildern

  • Attraktivität: Wie attraktiv finden die Partner:innen einander?

  • Sexuelle Lust: Stärke des sexuellen Verlangens nach der Partner:in

  • Sexhäufigkeit: Durchschnittliche Häufigkeit von Sex pro Monat


Die Ergebnisse: Mehr Glanz, mehr Lust?

Frauen mit besonders guter Haarqualität hatten etwas häufiger Sex mit ihren Partnern. Dieser Zusammenhang ließ sich teilweise dadurch erklären, dass die Ehemänner Frauen mit höher eingeschätzter Haarqualität als attraktiver wahrnahmen und bei höherer Attraktivität auch mehr sexuelles Verlangen berichteten. Auch die Haarlänge spielte eine Rolle: Frauen mit längeren Haaren wurden von ihren Partnern als attraktiver empfunden, was die Lust und damit die Häufigkeit von Sex leicht erhöhte.


Bei den Männern selbst war das anders: Egal wie ihre Haare aussahen – es hatte keinen messbaren Einfluss darauf, wie oft sie mit ihren Partnerinnen Sex hatten. Das deutet darauf hin, dass Haare bei der Wahrnehmung von Männern eine größere Rolle spielen als umgekehrt.


Kritische Einordnung: Was sagt die Studie – und was nicht?

Und jetzt kommt der Moment, auf den ich beim Schreiben dieses Artikels gewartet habe. Schauen wir uns die Limitationen, also die Einschränkungen, der Forschung mal genauer an:


  • Kein kausaler Zusammenhang: Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen bestimmten Haarmerkmalen und der berichteten Häufigkeit von Geschlechtsverkehr. Sie zeigt jedoch nicht, dass lange oder „qualitativ hochwertige“ Haare die Ursache für häufigeren Sex sind.


    Kurz gesagt: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Oft lassen sich Korrelationen durch einen dritten Faktor erklären. Ein klassisches Beispiel ist der Zusammenhang zwischen der Zahl der Störche und der Geburtenrate: In stärker ländlich geprägten Regionen gibt es häufig mehr Störche und gleichzeitig höhere Geburtenraten als in Städten. Daraus folgt natürlich nicht, dass Störche Babys bringen. Beide Beobachtungen hängen vielmehr mit den jeweiligen Lebensbedingungen zusammen - am Land bekommen die Menschen mehr Kinder, aber es ist auch ein geeigneter Lebensraum für Störche.


    Auch bei der untersuchten Verbindung zwischen Haaren und Sex sind alternative Erklärungen möglich. Beispielsweise könnten allgemeine Gesundheit, Stress, verfügbare Zeit, finanzielle Ressourcen oder Beziehungszufriedenheit sowohl die Haarpflege als auch das Sexualleben beeinflussen. Eine gesunde und zufriedene Person hat möglicherweise eher die Möglichkeit, Zeit und Geld in ihre Haare zu investieren, und berichtet zugleich häufiger von sexueller Aktivität. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Haare der Auslöser für diese häufigere sexuelle Aktivität sind. Die Studie selbst hat diese Möglichkeit nicht erhoben. Sie erfasst zwar einige Einflussfaktoren wie Alter, Ehedauer, Kinder und Beziehungsvariablen, untersucht aber nicht alle gesundheitlichen, psychischen und sozialen Bedingungen, die sowohl Frisur als auch Sexualität beeinflussen könnten.


  • „Male Gaze“ und Attraktivität: Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Perspektive, aus der Attraktivität in der Studie betrachtet wird. Der statistische Zusammenhang zwischen Haarmerkmalen und Sexhäufigkeit verlief vor allem über die vom Ehemann wahrgenommene Attraktivität und sein sexuelles Verlangen. Das bedeutet: Männer bewerteten Frauen mit längeren beziehungsweise qualitativ besser eingeschätzten Haaren im Durchschnitt als attraktiver und berichteten bei höherer wahrgenommener Attraktivität häufiger von Sex mit ihrer Ehefrau. Die Studie untersucht damit vor allem, wie die männliche Wahrnehmung von Haaren mit sexueller Aktivität innerhalb einer Ehe zusammenhängt. Sie beantwortet aber nicht die weitergehende Frage, warum diese Wahrnehmung in einer Beziehung automatisch zu mehr Sex führen sollte. Ebenso wenig beweist sie, dass die Frauen selbst mehr sexuelles Verlangen hatten, dafür gab es nämlich keine statistisch signifikanten Beweise.


Fazit: Nicht jede Schlagzeile ist ein Grund, die Frisur zu ändern

Die Studie liefert interessante Einblicke in die komplexe Dynamik von Beziehungen – aber sie ist kein Grund, sofort die Frisur zu ändern. Viele Faktoren korrelieren miteinander, ohne dass ein direkter kausaler Zusammenhang besteht. Solche Erkenntnisse machen sich zwar gut in Schlagzeilen – das Bild ist aber oft differenzierter.


Die Studie zeigt, dass es einen kleinen Zusammenhang zwischen Haarqualität und Sexhäufigkeit gibt. Aber sie beweist nicht, dass schöne Haare zu mehr Sex führen. Es könnte genauso gut sein, dass Menschen, die sich allgemein wohlfühlen, sowohl gepflegtere Haare haben als auch ein aktiveres Sexualleben – ohne dass die Haare der Auslöser wären. Denn sexuelle Aktivität hängt normalerweise nicht nur von der wahrgenommenen Attraktivität einer Person ab, sondern auch von ihrer eigenen Lust, ihrem Wohlbefinden, Stress, Müdigkeit, Gesundheit, Sicherheit und der Qualität der Beziehung.


Am Ende ist es wie so oft in der Wissenschaft: Ein Faktor allein erklärt selten alles. Haare mögen eine Rolle spielen – aber sie sind nur ein kleines Puzzleteilchen in einem viel größeren Bild. Ein Bild, das jedenfalls noch besser erforscht werden muss.


Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Cheon, J. E., Kim, J. J. & Kim, Y. (2024). Wives with long and high-quality hair have more frequent sex. Frontiers in Psychology, 14, 1294660. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1294660



Den Großteil der Quellen findest du im Literaturverzeichnis der Originalquelle. Außerdem haben wir noch folgende Quellen verwendet:


Bodenmann, G., Atkins, D. C., Schär, M. & Poffet, V. (2010). The association between daily stress and sexual activity. Journal Of Family Psychology, 24(3), 271–279. https://doi.org/10.1037/a0019365


Gomes, N., Silva, N. & Teixeira, B. (2025). Assessing the relationship between dietary factors and hair health: A systematic review. Nutrition And Health, 32(4), 1231–1242. https://doi.org/10.1177/02601060251367206


Hinsz, V., Matz, D. & Patience, R. (2001). Does women's hair signal reproductive potential? Journal of Experimental Social Psychology 37.2, 166-172.


Vigen, T. (2026). Spurious correlations. https://www.tylervigen.com/spurious-correlations


York, J., Nicholson, T., Minors, P. & Duncan, D. F. (1998). Stressful Life Events and Loss of Hair among Adult Women, a Case-Control Study. Psychological Reports, 82(3), 1044–1046. https://doi.org/10.2466/pr0.1998.82.3.1044


Autorin - Miriam Anna Moderegger, MSc

Ursprünglich aus dem Journalismus kommend, erzählt Miriam seit ihrer Kindheit leidenschaftlich Geschichten – sei es in ihrem Hauptberuf als Leitung der Public Affairs beim Verband österreichischer Volkshochschulen, oder in der Wissenschaftsredaktion von ForJu.

Während ihrem Studium der Communication Science widmete sich Miriam in ihrer Masterarbeit der Frage, wie Wissenschaft in der Öffentlichkeit repräsentiert wird. Diese Erkenntnisse motivieren sie, durch ihre Tätigkeit bei ForJuWissenschaft zugänglicher zu gestalten und junge Menschen für die Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven zu begeistern.



Kommentare


bottom of page