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Einsamer Kopf, entzündeter Darm: Wie sich Isolation und Einsamkeit auf den Darm auswirken

8. Sept.
4 Min. Lesezeit

Autorin: Victoria Wagner BSc


Am 16. März 2020 ging es für Österreich in den ersten Covid-Lockdown. Plötzlich hieß es zuhause bleiben, soziale Kontakte sollten unbedingt vermieden werden. Schüler*innen, Student*innen und die meisten Arbeitnehmer*innen mussten zu Hause bleiben. Es war wohl in dieser Zeit, dass viele von uns zum ersten Mal wirklich kennengelernt haben, wie es sich anfühlt, einsam und isoliert zu sein.


Dass eine solche Einsamkeit und soziale Isolation nicht gut für die Psyche sind, ist wohl weithin bekannt. Inzwischen gibt es jedoch auch vermehrt Hinweise darauf, dass Einsamkeit und soziale Isolation auch Einfluss auf die Magen-Darm-Gesundheit haben, indem sie Interaktionen zwischen dem Magen und dem Gehirn blockieren. Eine aktuelle Studie der Zhejiang University School of Medicine in China hat sich diesen Zusammenhang mit Bezug auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen genauer angeschaut.


Chronisch entzündliche Darmerkrankungen sind heutzutage global sehr häufig. Um ihnen vorbeugen zu können, ist es wichtig, auch zu verstehen, wie sich soziale und psychologische Dimensionen auf sie auswirken. Genau das wollten die Studienautor*innen dieser Studie tun. Die Frage, die sie sich hier gestellt haben, war einfach: sie wollten wissen, ob es Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, sozialer Isoliertheit und dem Risiko für chronisch entzündliche Darmerkrankungen gibt. Darüber hinaus wollten sie auch wissen, ob es dabei zu Änderungen in der Metabolomik (der Analyse von Metaboliten, kleiner Moleküle im Stoffwechsel) und in zirkulierenden Proteinen kommt und ob diese das Risiko für chronisch entzündliche Darmerkrankungen erhöhen.


Dazu wurden 275 157 Erwachsene, bei denen noch keine Erkrankung vorlag, ausgewählt und mittels Fragebögen ihre soziale Isoliertheit und Einsamkeit ermittelt. Die Proband*innen waren dabei im Mittel 55.86 Jahre alt, 51,3% von ihnen waren Frauen. Es zeigte sich dabei, dass Proband*innen mit höheren Leveln an sozialer Isoliertheit oder Einsamkeit oft männlich, übergewichtig, Raucher*innen und physisch inaktiv waren sowie ungesünderes Ess- und Schlafverhalten zeigten. Zusätzlich wurden von einigen Proband*innen auch Plasmaproben genommen, um Daten zum Stoffwechsel oder zu den darin enthaltenden Proteinen zu erhalten.


Bei Folgeuntersuchungen nach durchschnittlich 13.49 Jahren wurden bei 1 565 von diesen Proband*innen chronisch entzündliche Darmerkrankungen gefunden, genauer genommen die Erkrankungen Colitis ulcerosa und Morbus Chron. Soziale Isolation und Einsamkeit zeigten hier eine starke Verbindung zu einem erhöhten Risiko, an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zu erkranken. Wer sozial isolierter und einsamer war, entwickelte die Erkrankung also eher als wer es weniger war. Soziale Isolation und Einsamkeit zusammen erhöhten das Risiko, zu erkranken, sogar um 85%.


Weitere Untersuchungen zeigten, dass mehr Sport oder Fitnessstudioaktivität das Risiko für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und Morbus Chron senkte, mehr religiöse Aktivität senkte zudem das Risiko für Colitis ulcerosa. Weniger soziale bzw. sportliche Aktivitäten führten im Umkehrschluss zu einem höheren Risiko für Colitis ulcerosa.


Bei den Untersuchungen der Metabolomik wurden acht Metaboliten gefunden, die mit sozialer Isolation zusammenhängen, und fünf, die mit Einsamkeit zusammenhängen. Darüber hinaus wurden 22 zirkulierende Proteine identifiziert, die mit sowohl sozialer Isolation als auch Einsamkeit zusammenhängen zu scheinen. Diese Erkenntnisse helfen, zu verstehen, wie der Körper biologisch auf die soziale Isolation und Einsamkeit reagiert und wie sich das dann auf den Darm und seine Erkrankungen auswirkt.


Generell ergab die Studie, dass es entscheidende Zusammenhänge zwischen sozialer Isolation, Einsamkeit und einem erhöhten Risiko für chronisch entzündliche Darmerkrankungen gibt. Menschen, die sozial isolierter und/oder einsamer sind, haben also ein deutlich höheres Risiko, an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zu erkranken.


Wie bei allen Studien gibt es aber natürlich auch bei dieser Studie Dinge, die limitierende wirken. Die Art und Weise, wie soziale Isolation und Einsamkeit gemessen werden, ist bisher noch nicht standardisiert, kann also zwischen verschiedenen Studien variieren. Es kann deshalb irreführend sein, diese Studie mit anderen Studien zu vergleichen. Außerdem hat die Studie Änderungen in der sozialen Isoliertheit und Einsamkeit der Proband*innen in der follow-up-Periode nicht aufgezeichnet. In über 13 Jahren kann sich da ja durchaus einiges geändert haben, was durchaus relevante Auswirkungen auf die Ergebnisse haben könnte. Zusätzlich wurde die Studie nur in der europäischen Population durchgeführt. Ob man diese Ergebnisse auch auf Menschen, die in anderen Regionen der Welt leben, umlegen kann, ist deshalb fraglich.


Was diese Studie allerdings deutlich zeigt, ist, wie sehr sich Faktoren wie soziale Isoliertheit und Einsamkeit, aber auch Sport und soziale Aktivitäten auf unsere Gesundheit auswirken. Während Covid-19 haben wir alle erlebt, wie bedrückend es sein kann, in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein und kaum soziale Kontakte zu haben –das sollte einmal mehr Grund dafür sein, jetzt, wo wir es können, ein aktives, soziales Leben zu führen, füreinander da zu sein und gemeinsam das Leben zu genießen. Offensichtlich wird auch unser Darm dankbar dafür sein.


Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Zhao, J., Ye, J., Zhang, M., Yu, G., Ji, H., Zhou, S.,…Li, X. (2026). Lonely minds, inflamed guts: metabolic and circulating protein pathways linking social isolation and loneliness to inflammatory bowel disease. Transl Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41398-026-04116-0



Weitere Quellen

COVID-19-Pandemie. (2025). Stadt Wien. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/COVID-19-Pandemie



Autorin - Victoria Wagner Bsc

Victoria Wagner hat einen Bachelorabschluss in Lebensmittel- und Biotechnologie von der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien und macht aktuell einen Master in Bioentrepreneurship am Karolinska Institutet in Stockholm. Die Beschäftigung mit Schnittstellen verschiedener Fachrichtungen (wie in diesem Text Medizin und Psychologie) erachtet sie als wichtige Komponente unserer heutigen Welt. Sie möchte alle Menschen ermutigen, vor fremden Fachbereichen nicht zurückzuschrecken, über den eigenen Tellerrand zu schauen und neugierig zu bleiben – denn nur mit vielen neugierigen und wissbegierigen Köpfen werden die aktuellen Herausforderungen dieser Welt zu meistern sein.



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