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Zwischen Jubel und Protest: Wie Medien und FIFA die WM erzählen

9. Sept.
5 Min. Lesezeit

Autorin: Miriam Anna Moderegger, MSc


„Nach der WM ist vor der WM“ – dieser Satz gilt nicht nur für Fußballfans, sondern auch für Forscher:innen. Kaum ist ein Turnier vorbei, beginnt die Diskussion über das nächste. Die WM 2022 in Katar war dabei ein besonderer Fall: Sie stand nicht nur für Sport, sondern auch für Kontroversen. Menschenrechtsverletzungen, Korruptionsvorwürfe und Klimafragen wurden diskutiert. Doch wie berichteten eigentlich die Medien darüber? Und wie nutzte die FIFA ihre eigenen Kanäle, um das Turnier darzustellen?


Die Forschung: lesen, markieren, sortieren

Wenn man wissen möchte, wie Medien über ein Thema berichten, macht man zumeist eine Inhaltsanalyse. Bei einer Inhaltsanalyse werden Inhalte (in diesem Fall Artikel und Posts) anhand zuvor (=deduktiv) oder währenddessen (=induktiv) definierter Kategorien systematisch ausgewertet (=kodiert). So lässt sich beispielsweise erfassen, wie häufig Themen wie Menschenrechte, Korruption oder Klima besprochen werden.


In der Studie wurden vier österreichische Medien analysiert - das FußballmagazinBallesterer, dieSalzburger Nachrichten, dieKronen ZeitungundDer Standard. Dafür wurden alle Artikel und Posts in den Printausgaben und auf Social Media (Twitter/X und Instagram) gesammelt. Verglichen wurden diese mit den offiziellen Social-Media-Kanälen der FIFA (Twitter/X und Instagram). Und ja, das waren ganz schön viele: Während der WM hat die FIFA beispielsweise 2.947 Tweets geteilt und die Kronen Zeitung 157 Artikel zur WM veröffentlicht. Auch die Monate vor und nach dem Turnier wurden untersucht – es gab also viel zu tun.


Doch wozu das Ganze? Die Forscher:innen wollten wissen, inwiefern kritische Themen in der Berichterstattung besprochen wurden und ob die spannenden Spiele (wie etwa das packende Finale zwischen Argentinien und Frankreich) dazu führen, dass sich die Medien mehr auf Sportberichterstattung und Ergebnisse konzentrieren.


Die Ergebnisse: Wer berichtet wie?

Österreichische Medien: Kritisch – aber nicht immer gleich

Vor der WM dominierten in allen Medien kritische Themen. Besonders häufig wurden Menschenrechtsverletzungen thematisiert – etwa die Arbeitsbedingungen von Migrant:innen auf den Baustellen. Auch Korruptionsvorwürfe (wie die umstrittene Vergabe der WM an Katar) und Klimafragen spielten eine große Rolle. Selbst Proteste wie die geplante One-Love-Binde der Nationalmannschaften wurden intensiv diskutiert.


Doch mit Beginn der WM verschob sich der Fokus: Plötzlich gab es viele Spielberichte, Ergebnisse und Analysen. Trotzdem blieben kritische Themen präsent – wenn auch seltener. BesondersBallestererundDer Standardblieben konsequent kritisch. DieKronen ZeitungundSalzburger Nachrichtenstiegen dagegen stärker auf reine Sportberichte um. Doch auch während des Turniers berichteten die Medien weiterhin über Proteste – etwa, als die iranische Nationalmannschaft ihre Hymne nicht mitsang oder als die FIFA die One-Love-Binde verbot.


Nach der WM ebbte die kritische Berichterstattung weiter ab. Die meisten Artikel waren jetzt Rückblicke, Spieler:innen-Porträts oder Analysen – oft Sportmeldungen, bei denen Kritik als Randnotiz vorkam.


FIFA: Eine eigene Geschichte der WM

Anders lief das bei der FIFA: Die Organisation nutzte ihre Social-Media-Kanäle ausschließlich für sportliche Inhalte. In 93 % aller Posts ging es um Spieler, Teams, Ergebnisse oder Fußballkultur. Kein einziger Beitrag thematisierte Menschenrechte, Korruption oder Klimafragen. Selbst als weltweit über die Zensur für Journalist:innen diskutiert wurde, schwieg die FIFA – oder setzte auf eine eigene Darstellung der Sachverhalte. So sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino etwa zum Thema Diskriminierung:„Heute fühle ich mich wie ein Katarer. Heute fühle ich mich arabisch. Heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich schwul. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich wie ein Arbeiter. Heute fühle ich mich auch wie eine Frau!“und behauptete schon vor Anpfiff, es sei„die beste WM aller Zeiten“.


Kritische Einordnung: Was sagt die Studie – und was nicht?

Schauen wir uns die Limitationen, also die Einschränkungen, der Forschung mal genauer an:


  • Kleine Stichprobe: Nur österreichische Medien wurden untersucht. Ob die Ergebnisse auf andere Länder übertragbar sind, ist unklar. Besonders spannend wäre die Analyse in Ländern, deren Nationalmannschaften mitgespielt haben, denn Österreich war 2022 nicht dabei. Es gab also weniger Grund zum Mitfiebern und eventuell auch mehr Platz für kritische Berichte, als in Ländern, die der eigenen Mannschaft die Daumen drücken konnten.

  • Einfluss unklar: Die Studie zeigt, was berichtet wurde, aber nicht, wie die Berichterstattung auf die Öffentlichkeit wirkte. Man könnte zwar aus anderen Studien die Macht der Medien bei solchen Ereignissen ableiten, aber es war nicht Teil der Forschung.

  • Jede WM ist einzigartig: Die WM 2022 war besonders umstritten. Die vergangene WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko war ebenfalls heiß diskutiert – aber aus anderen Gründen, etwa durch die politische Rolle von Donald Trump, den Einfluss von Gianni Infantino oder kontroverse Entscheidungen der FIFA. Österreich war dabei, die Ausgangslage war also eine ganz andere. Da wäre es spannend, eine Vergleichsstudie zu machen.


Fazit: Medien als Aufpasser– aber mit Grenzen

Die Studie zeigt: Medien können und sollten kritisch berichten – auch über ein sportliches Großereignis wie die WM, das viele Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Die österreichischen Medien haben das getan, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Gleichzeitig wird klar: Die FIFA nutzt Social Media, um ihre eigene Geschichte zu erzählen. Durch eigene Kanäle und große Reichweite kann die Organisation die Berichterstattung ignorieren und eigene Erzählungen über die Veranstaltungen verbreiten.


Die Frage ist: Wird sich das in Zukunft ändern? Mit der nächsten WM rücken bereits neue Kontroversen in den Fokus – etwa Saudi-Arabien als Gastgeber 2034, das alles andere als unumstritten ist. Die Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Medien ihre kritische Rolle wahrnehmen – und dass wir als Leser:innen hinterfragen, wer welche Geschichten erzählt. Auch dann, wenn die eigene Mannschaft auf dem Platz steht.


Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Birkner, T., Moderegger, M. & Reichenberger, P. (2026). Boycott or not!? Exploring the mediatization of sports through a comparison of the 2022 Qatar World Cup coverage between FIFA and journalistic media outlets. InThe FIFA World Cup in Qatar Reflections from the Perspective of Sports Communication and Sports Policy(S. 43–69).https://doi.org/10.1007/978-3-032-16735-4_3



Den Großteil der Quellen findest du im Literaturverzeichnis der Originalquelle. Außerdem haben wir noch folgende Quellen verwendet:


Becker, R. (2013). World cup 2026 now accepting bribes: a fundamental transformation of FIFA’s world cup bid process.The International Sports Law Journal,13(1–2), 132–147.https://doi.org/10.1007/s40318-013-0011-7


Frías, F. (2026). Soccer’s darkness and lights: the 2026 FIFA Men’s World Cup amid global politics and organizational interests.Sport Ethics And Philosophy,20(2), 209–215.https://doi.org/10.1080/17511321.2026.2648911


Patel, R. (2026). “The Greatest Event that Humanity Has Ever Seen and Will Ever See”: Analyzing Media Coverage of the 2026 FIFA World Cup and its Political Theater.https://doi.org/10.26153/tsw/64129


Autorin - Miriam Anna Moderegger, MSc

Ursprünglich aus dem Journalismus kommend, erzählt Miriam seit ihrer Kindheit leidenschaftlich Geschichten – sei es in ihrem Hauptberuf als Leitung der Public Affairs beim Verband österreichischer Volkshochschulen, oder in der Wissenschaftsredaktion von ForJu.

Während ihrem Studium der Communication Science widmete sich Miriam in ihrer Masterarbeit der Frage, wie Wissenschaft in der Öffentlichkeit repräsentiert wird. Diese Erkenntnisse motivieren sie, durch ihre Tätigkeit bei ForJuWissenschaft zugänglicher zu gestalten und junge Menschen für die Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven zu begeistern.



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