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Weniger Kalorien, langsameres Altern?

9. Sept.
4 Min. Lesezeit

Autorin: Asya Efe


Semaglutid wird zur Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes eingesetzt, da es den Appetit reduziert und die Regulation des Blutzuckers unterstützt. Der Wirkstoff aktiviert den Rezeptor für das Hormon Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) und beeinflusst dadurch Signalwege, die an der Verarbeitung von Nährstoffen beteiligt sind. Eine aktuelle Studie untersuchte, ob diese Wirkung auch für das biologische Altern von Bedeutung sein könnte. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, inwieweit Semaglutid die Effekte einer Kalorienrestriktion, also einer verringerten Kalorienaufnahme, nachahmt und ob sich seine Wirkung vollständig durch die geringere Nahrungsaufnahme erklären lässt.

 

Mehr Fliegen mit einer Klatsche

Um dies zu untersuchen, behandelten Forschende 20 Monate alte weibliche Mäuse zunächst drei Monate lang mit Semaglutid. Die Tiere zeigten anschließend eine verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit sowie bessere Ergebnisse in Tests kognitiver Funktionen. Gleichzeitig gingen verschiedene molekulare Merkmale des Alterns zurück, darunter chronische Entzündungen, genomische Instabilität und mitochondriale Funktionsstörungen. Auch die zelluläre Seneszenz, also ein Zustand, in dem geschädigte Zellen ihre Teilung dauerhaft einstellen, sowie Veränderungen der Stammzellfunktion und der Proteostase wurden beeinflusst. Letztere bezeichnet das Gleichgewicht, das die Qualität und Funktion der zellulären Proteine aufrechterhält. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass Semaglutid mehrere miteinander verknüpfte Alterungsprozesse beeinflussen kann. In einer separaten Gruppe, die bis zum Lebensende weiterbehandelt wurde, verlängerte sich zudem die mediane Lebensspanne, also das Alter, das die Hälfte der Tiere erreichte.

 

Fastende Mäuse

Da Semaglutid zugleich den Appetit unterdrückt, war zunächst unklar, in welchem Ausmaß die beobachteten Veränderungen auf die verminderte Kalorienaufnahme zurückzuführen waren. Für einen direkten Vergleich untersuchten die Forschenden deshalb zusätzlich eine Gruppe von Mäusen, deren Kalorienaufnahme um 24 % reduziert wurde. Dadurch erhielten die Tiere ähnlich viele Kalorien wie die mit Semaglutid behandelten Mäuse. Dieser Vergleich ermöglichte es gemeinsame Effekte der beiden Ansätze von Unterschieden zu trennen, die sich nicht allein durch die aufgenommene Kalorienmenge erklären lassen.

Sowohl Semaglutid als auch die Kalorienrestriktion verbesserten verschiedene physiologische Funktionen und beeinflussten mehrere molekulare Kennzeichen des Alterns. Bei einzelnen untersuchten Funktionen zeigten sich jedoch Unterschiede. Die mit Semaglutid behandelten Mäuse verbesserten ihr Erkundungsverhalten, ihr räumliches Gedächtnis und ihre Glukoseregulation teilweise über die zu Beginn der Behandlung gemessenen Werte hinaus. Eine vergleichbare Verbesserung wurde bei den kalorienreduziert ernährten Mäusen nicht beobachtet. Dies deutet darauf hin, dass die beiden Interventionen trotz ähnlicher Kalorienaufnahme unterschiedliche physiologische Anpassungen auslösen.

Auch der Energiestoffwechsel reagierte unterschiedlich. Die Kalorienrestriktion führte zu Veränderungen, die mit längeren Fastenphasen und einem verringerten Energieverbrauch während des Tages verbunden waren. Die mit Semaglutid behandelten Mäuse zeigten diese Anpassungen dagegen nicht in gleicher Weise. Ein möglicher Einflussfaktor ist die zeitliche Verteilung der Nahrungsaufnahme: Während die kalorienreduziert ernährten Tiere ihre Futterration rasch aufnahmen und anschließend länger fasteten, verteilte sich die Nahrungsaufnahme unter Semaglutid stärker über den Tag. Unterschiede zwischen den Gruppen belegen deshalb für sich genommen noch keine unmittelbare Wirkung des Medikaments auf einzelne Alterungsmechanismen.

Die Aktivierung des GLP-1-Rezeptors könnte somit bestimmte molekulare und physiologische Effekte einer Kalorienrestriktion nachahmen, ohne dieselben Anpassungen an längere Hungerphasen auszulösen. Entscheidend ist dabei, dass Stoffwechselwege nicht nur die Energieversorgung regulieren, sondern auch mit der Erhaltung der Zellfunktion verknüpft sind. Ihre Beeinflussung könnte daher erklären, weshalb sich Veränderungen in mehreren Bereichen des biologischen Alterns gleichzeitig beobachten lassen. Welchen Anteil direkte Wirkungen des Medikaments und veränderte Ernährungsbedingungen jeweils haben, muss jedoch weiter untersucht werden.

 

Grenzen der Übertragbarkeit

Die Aussagekraft der Ergebnisse ist durch das verwendete Tiermodell begrenzt. Untersucht wurden ausschließlich weibliche Mäuse eines genetisch einheitlichen Stammes. Ob sich vergleichbare Effekte bei männlichen Tieren, anderen genetischen Hintergründen oder beim Menschen zeigen, bleibt offen. Für eine mögliche Anwendung bei älteren Menschen müsste außerdem berücksichtigt werden, wie sich die Behandlung langfristig auf Muskelmasse, körperliche Belastbarkeit und Ernährungszustand auswirkt.

 

Insgesamt zeigt die Studie, dass Semaglutid im untersuchten Mausmodell über die Regulation von Körpergewicht und Blutzucker hinaus mit Veränderungen mehrerer Alterungsprozesse verbunden war. Die Überschneidungen mit der Kalorienrestriktion sprechen dafür, dass nährstoffabhängige Signalwege einen wichtigen Ansatzpunkt zur Beeinflussung des biologischen Alterns darstellen könnten. Gleichzeitig verdeutlichen die Unterschiede zwischen den beiden Interventionen, dass die zugrunde liegenden Mechanismen noch genauer voneinander abgegrenzt werden müssen. Ob daraus ein sicherer und wirksamer Ansatz zur Beeinflussung des Alterns beim Menschen entstehen kann, lässt sich aus diesen präklinischen Ergebnissen noch nicht ableiten.

 

Originalpublikation

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Fachpublikation, deren Inhalte für Paper to People verständlich und allgemein zugänglich aufbereitet wurden. Wenn Sie tiefer in die Forschung eintauchen möchten, finden Sie hier die Originalquelle.


Zitation

Feng, Yufan, et al. “Late-Life Semaglutide Treatment Slows Ageing and Extends Lifespan in Female Mice.” Nature, no. 1, 2 Sept. 2026, https://www.nature.com/articles/s41586-026-10940-7, 10.1038/s41586-026-10940-7.



Autorin - Asya Efe

Asya Efe studiert Molekulare und Zelluläre Biologie an der University of Glasgow und befindet sich derzeit im letzten Jahr ihres Bachelorstudiums. Zuvor absolvierte sie die HTL für Chemie Rosensteingasse in Wien, wo sie bereits erste Forschungserfahrung im Bereich Glioblastom sammelte. Im Sommer 2026 war sie als Amgen Scholar an der ETH Zürich tätig und forschte dort im Bereich der molekularen Neurowissenschaften an humanen Nervenzellen. Neben ihrer wissenschaftlichen Ausbildung engagiert sie sich intensiv in der Wissenschaftskommunikation. Bei ForJu – Verein zur Förderung junger Forschender – leitet sie die Science-Redaktion und ist als Chefredakteurin. Besonders interessiert sie sich für Krebsbiologie, Neurowissenschaften und Neuroonkologie sowie dafür, aktuelle Forschung verständlich und zugänglich zu vermitteln.



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